Sonntag, 16. Oktober 2011

„Immer tiefer in den Wald hinein“

Der Kaiser war verwirrt. Passiv, aktiv oder was weiß ich - so resigniert hatte sich Franz Beckenbauer selten präsentiert. Die Diskussion um die Abseits-Regel geht in die nächste Runde. Was vor ein paar Jahren in jedem Fall aktiv war, ist längst teilweise passiv geworden. Jetzt kann der Stürmer aber auch aktiv sein, wenn er passiv ist. Kapiert? Nee.

Fangen wir noch einmal von vorne an. Beckenbauer beklagte nicht zu unrecht, dass wir uns im Falle der Abseits-Regel immer weiter in den Wald hineinwagen. Der Waldrand sah so aus. Das offizielle Fifa-Reglement beginnt übersichtlich: „Ein Spieler befindet sich in einer Abseitsstellung, wenn er der gegnerischen Torlinie näher ist als der Ball und der vorletzte Gegenspieler.“ Jetzt geht’s weiter: „Ein Spieler befindet sich nicht in einer Abseitsstellung, in seiner eigenen Spielfeldhälfte oder auf gleicher Höhe mit dem vorletzten Gegenspieler oder auf gleicher Höhe mit den beiden letzten Gegenspielern.“ So weit so gut.

Und jetzt kommt's, das ist alles offizielles Reglement: „Ein Spieler wird nur dann für seine Abseitsstellung bestraft, wenn er nach Ansicht des Schiedsrichters zum Zeitpunkt, zu dem der Ball von einem Mitspieler berührt oder gespielt wird, aktiv am Spiel teilnimmt, indem er ins Spiel eingreift, oder einen Gegner beeinflusst, oder aus seiner Position einen Vorteil zieht.“ Daran scheiden sich nun die Geister. Die Frage ist, wann ein Gegner beeinflusst wird. Die Beispiele heißen Choupo-Moting, Lewandowski und Ya Konan.

Vor der Saison hat der DFB entschieden, nicht mehr jedes Abseits passiv zu nennen, bei dem der Übeltäter den Ball nicht bekommt. Das hatte für Diskussionsstoff gesorgt, etwa wenn ein Spieler im Abseits stand, der lange Ball auch in seine Richtung geschlagen wurde, er dann aber im letzten Moment zurückzog und ein Mittelfeldspieler durchstieß und den Ball übernahm. Jetzt soll genau dieser Fall auch berücksichtigt werden, sprich, die deutschen Schiedsrichter sollen wieder mehr Abseits pfeifen. In diesem Sinne war der abgepfiffene Treffer der Mainzer eine korrekte Entscheidung. Dass Choupo-Moting den Schritt zu schnell ist und der Ball knapp an seiner Ferse vorbeistreift, lässt ihn passiv, aber eben auch irgendwie aktiv sein.

Die Fußballwelt wäre übersichtlich, wenn in Bremen nicht genau umgekehrt entschieden worden wäre. Hummels spielt den Ball an den Fünfer, Lewandowski geht hin, zieht im letzten Moment zurück, Owomoyela trifft: Ein Paradebeispiel für eine Fehlentscheidung nach neuer Auslegung. Die Entscheidung in Köln war noch falscher. Ya Konan steht auf Höhe des Pfosten. Er behindert niemanden, macht keine Anstalten zu Ball zu gehen. Noch pikanter wird das Ganze, wenn wir die FIFA-Regel noch einmal genau lesen. Der Schiedsrichter soll entscheiden, ob einer der Fälle von passivem Abseits zutrifft. Der hat es in Köln aber flott auf den Linienrichter geschoben.

Und Mirko Slomka hat das alles eh schon geahnt. Im August hat er, nach der neuen Regelauslegung gefragt, das Folgende zu Protokoll gegeben: „Das Ganze ist kompliziert. Ich habe es mir erklären lassen, aber wer dann was pfeift, wird uns immer ein wenig verborgen bleiben. Die Diskussionen werden immer bleiben.“ Ja, das werden sie. Wichtig ist nur, dass wir im Prinzip keine Krise des Regelwerks haben, wie es der Kaiser suggeriert, sondern eine Krise der Umsetzung. Vor zwei Wochen hat Fortuna Düsseldorf in Braunschweig gespielt, ebenfalls ein Tor wie heute Hannover erzielt, das dann abgepfiffen wurde. Die Schiedsrichter erkennen die Grenze nicht, die die neue Auslegung zieht.

Letztlich hätten wir uns die Auslegung sparen und bei den Grundregeln bleiben können. Vielleicht sollten wir ganz neue Wege gehen. Kein passives Abseits im Strafraum, eine Regelung wie im Eishockey und die Einteilung des Spielfelds in weitere Zonen, Linienrichter auf beiden Seiten, generelle Abschaffung des passiven Abseits... Warum nicht einmal so diskutieren. Die Umsetzung dauert Jahre, sicher, aber wir haben ja Zeit.

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