Donnerstag, 16. Dezember 2010

Wollen sie überhaupt weg?

In Fernsehinterviews hat Jürgen Klopp schon das eine oder andere Mal von Wetten erzählt, die er mit Michael Zorc abgeschlossen hat. Es scheint daher nicht ausgeschlossen, dass im Moment der Trainer und der Sportdirektor beim morgendlichen Kaffee einen Pott eröffnen, welcher Spieler ihnen denn an diesem Tag abspenstig gemacht werden soll. Vor ein paar Tagen stach der Barrios-Tipp, nachdem die für Seriosität weltweit bekannte "Marca" eine 15-20 Mio.-Offerte von Real Madrid aufgedeckt hat. Allein ein Seitenblick auf den prominentesten Mitbewerber auf den Stürmerposten in der spanischen Hauptstadt, Carlos Tevez, offenbart, dass die Madrilenen in anderen Sphären suchen. Doch auch die vage Schätzung einer Ablöse zwischen 15 und 20 Mio. Euro schreckte hierzulande viele nicht davor ab, der Nachricht zu glauben und das Auseinanderfallen der Klopp-Truppe zu prognostizieren.
Heute, ausgerechnet an seinem Geburtstag, erreichte Mats Hummels nun die Hiobsbotschaft, dass die Bayern ihn angeblich 2012 für 8 Mio. Euro zurückkaufen können. Die Süddeutsche Zeitung wollte von einer solchen Klausel im Vertrag des Dortmunders erfahren haben. In Punkto Seriosität bewegt sich die Süddeutsche sicher auf einem weit höherem Niveau als eine täglich erscheinende Sportzeitung aus Spanien. Das entschiedene Dementi von Hans-Joachim Watzke, das nicht ein einziges rhetorisches Schlupfloch enthielt, war allerdings ziemlich glaubhaft.
Sicher ist, dass Medien und Gegner meinen, im Interesse der Top-Clubs (oder der Bayern) an Dortmunder Spielern ein Thema zu finden. Auf den ersten Blick könnte der beginnende Ausverkauf einer jungen Mannschaft als übliche Spielart des Fußball-Geschäfts betrachtet werden. Die noch hungrigen Spieler schnuppern am Erfolg und finden einen solchen Gefallen daran, dass dieser Erfolg planbar werden oder sich wenigstens das Bankkonto füllen soll. Deshalb gehen sie dann zu Bayern München oder, wenn sie sich trauen, ins Ausland. Die Jungs, die gerade noch vor der Südtribüne ihr Wappen geküsst haben, meinen in einer von Verhandlungen zersetzten und die Erinnerung an den Spaß der Saison vernebelnden Sommerpause plötzlich, dass ihr Können in dieser Mannschaft auf Dauer nicht zu 100 Prozent abgerufen wird. Dass sie woanders auch noch mehr verdienen können, wird ihnen obendrein bei informellen Treffen mit westfälischen oder bayerischen Wurst- und Fleischfabrikanten erklärt. So läuft es seit Jahren in Leverkusen, Stuttgart oder Bremen. Doch passt dieses Schema auch bei Borussia Dortmund?
Die Wechselwilligkeit der Spieler lässt sich durch Zahlungskraft und sportlichen Erfolg minimieren. Da Ersteres zu einem größeren Teil von Letzterem abhängt als umgekehrt, ist dauerhafter sportlicher Erfolg die Grundbedingung dafür, eine Mannschaft über Jahre zusammen zu halten. Es ist wie mit Kindern. Wenn sie Angst haben, etwas zu verpassen, dann werden sie unruhig. Haben sie aber das Gefühl, dass sie schon alles haben, sehen sie keinen Grund zu gehen. Kann ein Spieler also davon ausgehen, dass er in den kommenden Jahren viel Geld verdient und nebenher Titel gewinnt, hat er keinen Grund an einen Wechsel zu denken, zumindest wenn er erst 22 Jahre alt ist.
In Dortmund könnte der Erfolg dauerhaft zurückkehren. Die Einnahmen des Clubs sind allein durch die Heimspiele überdurchschnittlich. Die Borussia ist kein wurzelloses Gewächs wie Hoffenheim oder Wolfsburg, dem beim ersten Misserfolg alle Fans wieder weglaufen. Die wirtschaftliche Basis, um Top-Gehälter zu zahlen, scheint also nach Jahren des Sparens allmählich wieder gegeben, die Einnahme-Seite ist zudem krisensicher. Mit Jürgen Klopp haben die Dortmunder den vielleicht besten deutschen Trainer, der es versteht auf der einen Seite den emotionalen Draufgänger und auf der anderen den kühlen Analytiker zu geben. Die Spieler sind allesamt lernfähig und haben sich im vergangenen Jahr ausnahmslos weiterentwickelt. Selbst ein Stillstand bei dem einen oder anderen Talent wäre zu verkraften.Wirtschaftlich wie sportlich scheint der Club für die Spitze zu planen und sich wie Mitte der Neunziger von den Bayern abzusetzen. Auch die Erinnerung an die Glanzzeit mit der Krönung des Gewinns der Champions League kann Spieler davon überzeugen, dass sie für Titel nicht nach München wechseln müssen. Die Flut von Vertragsverlängerungen in den vergangenen Wochen, deutet an, dass auch die Spieler so denken.
Einen oder zwei Abgänge, auch hochkarätige, gibt es in jeder Mannschaft. Die Chancen stehen in Dortmund aber gut, dass die Spieler den Verein nicht nur als erste Station ihrer Karriere sehen, nach der es dann richtig losgehen kann. Der BVB könnte sich damit von der Klasse Leverkusen/Stuttgart absetzen und vielleicht wieder für einige Jahre zu den Bayern aufschließen.        

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