Sonntag, 12. Dezember 2010

Wo sind sie hin, die Legenden?

Der amerikanische Sportartikelhersteller Nike hat in den Neunzigern eine Revolution des Werbefernsehens eingeleitet. In einem mehrminütigen Spot traten einige der besten aktiven Fußballer gegen eine Mannschaft furchterregender Mutanten an. Anfangs bekamen die Stars fürchterlich auf die Mütze und schienen keine Chance zu haben. Dann aber gelingt der illustren Truppe ein einziger Angriff, an dessen Ende eine Szene steht, die wahrscheinlich millionenfach auf Ascheplätzen in der ganzen Welt nachgeahmt wurde. Eric Cantona wird von Ronaldo angespielt und stoppt den Ball mit der Brust. Das Kinn erhoben setzt er den Fuß auf den Ball, schlägt den Kragen seines Trikots hoch, und spricht die magischen Worte: "Au Revoir!" Dann schießt er den Ball dem Monster im Tor einfach durch den Bauch. Die Szene war Cantona auf den Leib geschnitten, niemand sonst hätte diesen finalen Schuss so glaubwürdig ausführen können. Ich hatte den Spot und eigentlich auch Cantona in tiefere Regionen meiner Erinnerung verbannt, bis ich vor einigen Tagen den Film "Looking for Eric" gesehen habe.
Ein Briefträger aus Manchester, dem seine Stiefsöhne auf der Nase herum tanzen, der das Lachen verlernt hat und dem Wahnsinn nah ist, trifft beim Kiffen sein Idol Cantona, der ihm gute Ratschläge für's Leben gibt. Zwischendurch werden immer wieder Tore des französischen Stürmers eingespielt und dabei fällt auf, dass er auf den Spielfeldern der Premier League ein ähnliches Auftreten hatte wie im TV-Spot von Nike. Er war die zentrale Figur auf dem Platz, der Chef. Cantona umgab eine besondere Aura, die sein Spiel einzigartig und ihn zum Liebling der Fans machte. Seine Darstellung war exzentrisch, aber nicht peinlich oder lächerlich. Er brachte Gegnern und Fans Ehrfurcht bei. Nicht alle liebten ihn, aber sein Name wurde mit Respekt genannt.
Ich fand es nicht abwegig, im heutigen Fußball nach ähnlichen gestalten zu suchen. Welche aktuellen Stars verkörpern einen solchen Anspruch auf alleinige Herrschaft auf dem Spielfeld? Gibt es Typen wie Cantona überhaupt noch, kann es sie überhaupt noch geben? Und wer käme in Frage für eine solche Rolle?
Schauen wir uns an, welche drei Spieler sich noch Hoffnungen auf die Wahl zum Weltfußballer in diesem Jahr machen dürfen: Messi, Xavi und Iniesta. Alle drei sind hervorragende Fußballer, aber sie wirken wenn überhaupt durch ihr Können einschüchternd auf den Gegner. Sie sind gefürchtet ob ihres schnellen Kombinationsspiels und haben sich durch zahlreiche Titel hohes Ansehen verdient. Keiner der drei trägt aber ein solches Charisma spazieren wie Cantona. Sie sind brave Jungs, die unheimlich gut kicken können, wagen aber nicht das Grenzwertige auf dem Feld. Damit meine ich keine Kung-Fu-Tritte gegen Zuschauer, sondern Schüsse, die der Schütze so selbst manchmal nicht erwartet.
Cristiano Ronaldo gilt allgemein als der größte lebende Exzentriker im Fußball. Er verwechselt eitlen Schnickschnack aber mit Originalität und das wirkt sich auch auf sein Spiel aus. Cantona war extrovertiert, aber kein Hampelmann wie Ronaldo, der sein Schicksal auch mit Spielern wie Beckham teilt. Fans vergöttern keine Modepüppchen und können wirkliche Ausstrahlung von äußerlichem Krempel unterscheiden.  
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Als Leader auf dem Platz werden andererseits oft die Rauhbeine bezeichnet, die eckigen, polarisierenden Typen. Doch alle Tretern im Weltfußball, an deren Spitze ich Mark van Bommel sehe, haben nicht die fußballerische Klasse, um eine unverwechselbare Wirkung auf Gegner und Zuschauer zu haben. Übrig bleibt nicht die Erinnerung an eine Legende, sondern allerhöchstens ein Stollenabdruck am Schienbein. Bleiben noch die Querköpfe abseits des Spielfelds. Mario Balotelli von Manchester City etwa ist ein toller Fußballer, gilt aber als Skandalnudel und extrem schwer zu handhaben. Er scheint allerdings eher von einer gewissen Haltlosigkeit geplagt als dass er ein bis zur Anarchie reichendes Rebellentum auf dem Platz kultiviert. Genau diese von Fans immer geliebte Eigenschaft scheint das Merkmal zu sein, das verhindert, dass der moderne Fußball einen neuen Cantona hervorbringt.
Heranwachsende Stars werden zu Schwiegersöhnen stilisiert. Interviews sind heutzutage abgesprochen und folgen den immer gleichen Schablonen. Der Torjubel wird durch offizielles Regelwerk bestimmt. Der Verein bestimmt darüber, wie sich ein Spieler in der Öffentlichkeit darzustellen hat. Einzelgänger sind out, der Star ist die Mannschaft. Meine Leitfrage, wo die Legenden geblieben sind, ist naiv. Wie sollte ein Spieler heutzutage legendär werden? Fußballerisch sticht - vielleicht bis auf Messi - niemand so hervor, dass er sich nachhaltig und global ins Gedächtnis bringt. Der Letzte, der das geschafft hat, war Zinedine Zidane. Die wahrhaft vergötterten Fußballer bleiben aber Typen wie Cantona und Maradona, die im Fokus der Medien und der wirtschaftlichen Maschinerien im Fußball diesen Status allerdings nie mehr erreichen könnten. Schade drum, denn wer weiß, wie uns die echten Stars irgendwann einmal fehlen werden.
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