Montag, 6. Dezember 2010

Der Depp ist die Mannschaft

Uli Hoeneß ist nicht der Typ Mensch, der sich in Dinge hineinreden lässt, von denen er denkt, dass er sie vollständig beherrscht. Kalle Rummenigge ist nicht der Typ Mensch, der sich in irgendwelche Dinge gern hineinreden lässt. Louis van Gaal redet generell ungern über Dinge, die er einmal beschlossen hat. Und Christian Nerlinger redet intern wahrscheinlich gar nicht. Das ist die Gemengelage an der Säbener Straße im Dezember 2010. Aber sind es auch die Faktoren, die letztlich zur unglaublichen Erfolglosigkeit der Bayern in dieser Saison führen? Louis van Gaal hat seine Vorstellungen vom Fußball. Er hat sein System, das schon Amsterdam, Barcelona, Alkmaar und die holländische Nationalmannschaft verinnerlichen mussten. Er sieht sich etwas altertümlich als Chef der Mannschaft, der sagt, was zu tun ist und er meint Schwäche zu zeigen, wenn er Widerspruch duldet. Dieses Prinzip zieht van Gaal nicht nur gegenüber der Mannschaft, sondern im gesamten Verein durch. Es scheint eine Angst des Niederländers zu sein, beim kleinsten Kompromiss nicht mehr ernst genommen zu werden.
Nach der harschen Kritik von Uli Hoeneß an seinem Führungsstil war die erste inhaltlich ernst zu nehmende Reaktion des Trainers die Befürchtung, dass Hoeneß' Tiraden seine Autorität in der Mannschaft untergraben könnten. Verschwommen deutete er an, dass er diesen Angriff so schnell nicht vergessen werde. Rummenigge hatte bereits vor der Verpflichtung van Gaals Bedenken wegen dessen Louis XIV.-hafter Art ein Unternehmen zu führen geäußert. Der damalige Manager Uli Hoeneß hat sich aber für den "Tulpen-General" eingesetzt und sorgte letztlich für dessen Engagement. Es scheint unlogisch, aber Rummenigge hatte scheinbar vor Hoeneß die programmierten Konflikte erkannt.
Welche Trainer waren die Bayern-Bosse gewohnt? Ottmar Hitzfeld hat sich in seiner gesamten Zeit beim deutschen Rekordmeister nicht ein einziges Mal getraut, aufzumucken. Sagte die Riege um Beckenbauer etwas, war es für den Lörracher Gesetz. Nach dem Klinsmann-Intermezzo, das aus einer Hand voll Gründen nicht beispielhaft für die Politik des FC Bayern war, folgte Jupp Heynckes, den Fußball-Deutschland längst vergessen hatte, und der aus reiner Dankbarkeit, dass noch jemand an ihn denkt, Uli Hoeneß gern täglich in einer Rikscha über den Marienplatz chauffiert hätte. Niemand wagte sich, öffentlich gegen die Troika an der Spitze der Roten das Wort zu erheben, bis van Gaal kam. Es liegt auf der Hand, warum Hoeneß öffentlich den Führungsstil des Trainers anzweifelt und Rummenigge polemisch das "Feier-Biest" herausfordert. Die Herren sind plötzlich außen vor. Niemand spricht sie mehr an und um der Sache die Krone aufzusetzen, hört ihnen van Gaal nicht einmal mehr zu.
Das alles führt freilich noch nicht in direkter Linie zum sportlichen Misserfolg. Denn für diesen ist in erster Linie die Mannschaft verantwortlich. Klar hätte van Gaal zu Beginn der Saison auf die Spieler setzen können, die nicht bei der WM waren. Sie wären in einem guten Fitness-Zustand gewesen und hätten für ihre Stammplätze gekämpft. Außerdem wäre das Verletzungsrisiko für die WM-Fahrer sehr viel geringer gewesen. Wichtiger als die Coaching-Fehler ist aber die grundsätzlich falsche Zusammenstellung des Kaders. Der FC Bayern verkörpert seit ich denken kann den absoluten Sieges-Anspruch. Dieser Anspruch wurde bis vor ein paar Jahren von der Mannschaft perfekt verkörpert. Vom Präsidenten bis zum linken Verteidiger trat der gesamte Verein auf, als sei es eine Frechheit, einen Sieg des Gegners auch nur in Erwägung zu ziehen. Effenberg, Kahn, Scholl, Basler und selbst Zickler oder Jancker kannten keine Alternative zum Bayern-Sieg. Die heutige Mannschaft besteht aus Spielern, die entweder das Können mitbringen, die Mannschaft zu führen, aber kein Interesse an dieser Rolle haben, oder aus Spielern, die gern die große Nummer wären, aber einfach schlechten Fußball anbieten. Robben und Ribery sind Söldner, sie kümmert nur das Geld und der Erfolg der Mannschaft, den sie sich nach Möglichkeit auch persönlich auf den Briefkopf schreiben können. Van Buyten würde gern mehr Verantwortung übernehmen, aber wie wirken markige Worte von einem Verteidiger, der sich mehrfach vom Sturm der Frankfurter Eintracht vernaschen lässt. Die Mannschaft steht ohne Kopf seltsam ausgeschlossen da. Die Kämpfe werden über ihrem Kopf ausgetragen. Die Frage ist nur noch, ob sie ihre Spiele verliert, weil sie im Machtkampf überhaupt nicht mehr beachtet wird oder ob ihre Separation einfach ein Zeichen dafür ist, dass ihr der Charakter fehlt. Jedenfalls scheinen die Spieler ihrer angedachten Rolle als Repräsentanten des Bayern-Prunks nicht gewachsen zu sein. Die Lösung kann also nur der Einkauf neuer Spieler oder ein Paradigmenwechsel sein. Fernab aller Machtkämpfe in der Chefetage wird sich der Verein Gedanken um neue Leitwölfe im Rumpf der Galeere machen müssen. Im Moment wird nur gerudert, und viel zu wenig getrommelt.

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